Wenn (uns) Kinder auffallen... Herausfordernde Verhaltensweisen bei Kindern aus systemischer Sicht
- michaelpfreundner
- 15. Apr.
- 5 Min. Lesezeit

1 Wechselwirkungen und Zusammenhänge
Der systemische Ansatz zeigt auf, dass kein Verhalten ohne seinen sozialen Kontext zu verstehen ist. Das Verhalten eines Menschen, seine Gefühlswelt, seine Identität sind abhängig von den sozialen Systemen und den Einflüssen seiner Umwelt.. Im Mittelpunkt systemischen
Denkens stehen Zusammenhänge und Beziehungen, deshalb richtet sich der Blick der pädagogischen Fachkräfte auf die Lebenswelt des Kindes. Eine systemische Perspektive einzunehmen heißt, die Welt des Kindes in seinen Wechselwirkungen zu verstehen und die einflussnehmenden Systeme wahrzunehmen. Man unterscheidet zwischen dem inneren System (Familie, Kita) und dem äußeren System (Umwelt)..
Zeigt ein Kind beispielsweise aggressive Verhaltensweisen, so steht dieses Verhalten immer
einer bestimmten Situation, im Kontext seines Umfeldes. Das System kann die Familie oder auch die Kindergruppe in der Kita und die Verhaltensweisen der Bezugspersonen (Fachkräfte oder Eltern) sein. Auch deren Verhaltensweisen sind beeinflusst von Ereignissen in sozialen Systemen. Demzufolge kann das herausfordernde Verhalten eines Kindes eine Funktion in der Familie oder in der Kindergruppe haben. Der systemische Ansatz berücksichtigt diese beziehungsgestaltenden Interaktionsprozesse in den verschiedenen Alltagssituationen. Darüber hinaus ist Verhalten auch stark beeinflusst durch Lebens- und Umweltbedingungen.
2 Lösungs- und Ressourcenorientierung
Für den Kontext Kindertagesstätte bedeutet dies, dass jede pädagogische Fachkraft, die Stimmung im Team und auch jedes Kind mit seinem Verhalten auf das Verhalten anderer Kinder einwirkt. Ebenso auch andere Umweltfaktoren, wie beispielswiese auch die Rahmenbedingungen unter denen die Mitarbeiter ihre pädagogische Arbeit machen können. Damit sind aber auch alle im System Teil der Lösung eines Problems. Für die Fachkräfte geht es erst einmal um das Verstehen des Verhaltens eines Kindes. Das gelingt besser, wenn das Umfeld, d.h. die Interaktionspartner des Kindes in die Beobachtung mit einbezogen werden. Die Beobachtungen sind immer geprägt von eigenen Bewertungen und Deutungen. Aus systemischer Sicht kann die Wirklichkeit nur als Hypothese betrachtet werden, die immer wieder kritisch überprüft werden sollte. Wenn aber die Bedeutung herausgefunden wird, die das problematische Verhalten für das Kind hat, kann empathischer und gezielt darauf eingegangener, und konstruktive Lösungswege entwickelt werden.
Systemisches Grundprinzip ist es, Kinder in konfliktreichen Situationen zu beobachten, ihr Verhalten im Kontext wahrzunehmen und nicht zu bewerten. Pädagogen die in der Lage sind, wertfrei zu beobachten, achtsam zuzuhören und offene Fragen stellen, entdecken die Ressourcen von Kindern auch in herausfordernden Situationen und finden Möglichkeiten diese für eine gute Lösung einzusetzen.
Beispiel:
In einer Spielsituation bekommt David (4) einen Wutanfall und schlägt einem anderen Jungen scheinbar absichtlich auf den Kopf, nachdem dieser ihn nicht mit den Baustellenfahrzeugen mitspielen lässt.
Gehen Fachkräfte die Situation mit geschlossenen Fragen an, ermöglichen sie keine Veränderung sonder rufen u.U. Widerstand hervor und suggerieren damit möglicherweise Vorwürfe.
· Warum hast Du das gemacht?
· Wie oft habe ich Dir schon gesagt…?
· Warum musst Du immer gleich zuhauen?
· Warum spielst Du nicht friedlich wie andere Kinder?
Diese Fragen sind eher defizitorientiert weil sie dem Kind negative Absichten unterstellen.
Offene Fragen signalisieren dagegen Interesse und ermöglichen dem Kind, das eigene Verhalten zu reflektieren und nicht in den Widerstand zu gehen, denn vielfach beinhalten diese auch ein Angebot. David kann lernen seine Bedürfnisse und sein Verhalten wahrzunehmen und dieses möglicherweise zu verändern. Beispiele für offene Fragen:
· Was ist passiert?
· Was brauchst Du von uns?
· Habt ihr (alle Beteiligten) eine Idee, was wir jetzt tun können?
· Was wünschst Du Dir anders?
Eine ressourcenorientierte Ansprache eröffnet dem Kind neue Möglichkeiten, wie es solche Probleme zukünftig besser lösen kann:
· Wenn Du mitspielen möchtest, sage es den anderen Kindern.
· Wenn die anderen Dir gegenüber unfair sind, hole Dir Unterstützung bei den Erwachsenen.
· Sage, wenn Du wütend bist und was Du ungerecht findest.
3 Systemisch heißt Verstehen
Der systemische Ansatz geht davon aus, dass jedes Kind über zahlreiche Ressourcen verfügt. Die Buben und Mädchen werden ermuntert, diese zu nutzen oder durch eine geschickte pädagogische Begleitung zu entdecken. Es kommt immer darauf an, worauf Fachkräfte ihren Focus richten. Ressourcenorientierung stützt sich dabei auf folgende Grundannahmen:
· Jede Beschreibung eines Problems enthält schon eine Lösung
· Kein Problem tritt immer auf – in den Ausnahmen liegt der Keim der Lösung
· Nicht das Problem ist das Problem ist, sondern der Umgang damit
· Veränderung geschieht leichter, wenn Menschen sich wertgeschätzt fühlen
(vgl. Schwing & Fryszer 2013, S. 57)
Das bedeutet im Kita-Kontext, dass jede pädagogische Fachkraft und jedes Kind in der Gruppe mit seinem Verhalten auf das Verhalten anderer Kinder einwirkt. Somit hat auch nicht allein das Kind, welches sich trotzig, aggressiv oder anders auffällig verhält, Einfluss auf die Lösungen von Problemen, sondern alle Personen, die zum System gehören. Pädagogische Fragen werden systemisch beantwortet, indem das Fühlen, Denken und Handeln von Kindern innerhalb seines Lebenszusammenhangs und abhängig von diesem verstanden wird.“ (Schmieder 2018, S. 4)
Verstehen bedeutet nicht unbedingt, einverstanden zu sein. Es ist zielführend, die dahinterliegende Botschaft der Verhaltensweise eines Kindes zu verstehen, aber trotzdem wo nötig Grenzen zu setzen oder zu anders zu intervenieren.
3 Jedes Verhalten macht Sinn
Eine ganz wichtige systemische These in dem Zusammenhang ist, dass
Verhalten, und zwar gerade auch als verhaltensauffällig eingestuftes Verhalten, stets
in mindestens einem Kontext Sinn macht. Beispielsweise kann es für ein Kind aus ei-
ner belasteten Familie zu Hause (und vielleicht auch in der Schule) durchaus sinnvoll sein, über »negatives« Verhalten überhaupt (noch) eine Form von Aufmerksamkeit zu bekommen.
Aus der Perspektive des Kindes hat es also gute Gründe, warum es sich so verhält, wie es sich verhält.
Das Verhalten eines Kindes kann daher für professionell handelnde Fachkräfte eine wichtige Information darstellen mit dem es vielleicht auch eine Botschaft vermitteln möchte.
Es geht dabei darum, das Verhalten wahrzunehmen und nach seiner Bedeutung zu fragen.
Auffälliges Verhalten kann beispielsweise ein Hinweis darauf sein,
· dass notwendige Entwicklungsschritte im System nicht vollzogen sind,
· dass sich eine familiäre Struktur entwickelt die Leid bedingt,
· dass bestimmte Vorannahmen zu Einschränkungen führen, die Leid bedingt,
· dass Familiengeschichten erzählt werden, die Leid erzeugen.
ein Beitrag von Michael Pfreundner
verwendete Literatur:
Minuchin, Salvodor (1999): Familie und Familientherapie. Bern
Myschker, N./Stein, R. (2014): Verhaltensstörungen bei Kindern undJugendlichen. Erscheinungsformen – Ursachen – Hilfreiche Maßnahmen.Kohlhammer. Stuttgart.
Pfreundner, Michael (2011): Was bedeutet systemisches Denken und Handeln? In: Kindergarten heute. Das Leitungsheft. Freiburg 3/2011
Pfreundner, Michael (2015): Auffälliges Verhalten von Kindern aus systemischer Sicht. Freiburg, 2015
Pfreundner, Michael (2017): Themenkartenset: Verhaltensauffällig? München, 2017
Satir, Virginia (1990): Kommunikation, Selbstwert, Kongruenz. Paderborn
Schlippe, Arist von (1991): Familientherapie im Überblick. Paderborn
Seitz, W. & Stein, R. (2010). Verhaltensstörungen. In D.H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch
Pädagogische Psychologie (4., überarbeitete und erweiterte Auflage; S. 919 - 927). Weinheim, Basel: Beltz.
Schmieder, J. (07.2018): Jedes Verhalten macht Sinn. Herausfordernde Situationen in der Kita systemisch betrachtet. Verfügbar unter: http://www.kita-fachtexte.de. Zugriff am 18.01.2021)
Schwing,Rainer; Fryzer, Andreas (2009): Systemisches Handwerk. Göttingen

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